steirischer herbst 2007
Falter Steiermark - 19.09.2007
Ganz nah
ALLTAG Der steirische herbst feiert heuer unter dem Motto "Nahe genug" seine vierzigste Wiederkehr. Oder seine 41., je nachdem. Eine Nahaufnahme.

In den hohen barocken Prunkräumen, in denen einst Ignaz Maria Graf Attems und seine erste
Frau, Maria Regina Gräfin Wurmbrand, kunstsinnige Gäste der Grazer Adelsgesellschaft
empfingen, herrscht an diesem Freitagmorgen entspannte Ruhe. Draußen im Foyer läuft die
Espresso-Maschine warm. Die hat heute noch viel vor. Gut 200 Lattes und Cappuccinos muss sie
derzeit täglich produzieren. "Und das werden noch mehr", sagt Eva Huber. Wenn die zum
steirischen herbst geladenen Künstler anreisen, die Dramaturgen und
Produktionsverantwortlichen den geplanten Projekten den letzten Schliff geben müssen, dann ist
die Maschine im Dauereinsatz.

Huber, die heuer ihren zweiten Vollherbst als Office Managerin erlebt, ist dann mittendrin im
Geschehen. Sie ist die Schattenintendantin des traditionsreichen Kunstfestivals, das heuer
offiziell zum vierzigsten Mal über die Bühne geht. Ihr Schreibtisch, gleich neben der
Kaffeemaschine, ist die geheime Schaltzentrale des herbst. Über Hubers Tisch laufen alle
Telefonate, sie pflegt die 30.000 Adressen in der Datenbank und besorgt, wenn Not am Mann ist,
in kürzester Zeit Möbelpacker oder Gästefahrer. Huber weiß alles, ist die Ruhe in Person und hat
immer ein offenes Ohr. Auch wenn die Kunstarbeiter einmal Dampf ablassen müssen. Für
besonders schwierige Fälle hat sie einen kleinen roten Punching-Ball besorgt.
In der Früh braucht den noch niemand. Gegen neun Uhr füllt sich das Büro langsam mit
Menschen. Wenn sie am Vortag bis spätnachts mit Künstlerabendessen und Besprechungen
beschäftigt waren, sieht man ihnen das auch an. Das Licht in den Räumen, die der herbst seit
1983 im Palais Attems in der Sackstraße belegt - dunkel vertäfelt und mit Rokoko-Kachelöfen
und prächtigen Deckenfresken geschmückt -, ist gnädig und gedämpft. Marie-Theres Schnattler
hat an ihrem Schreibtisch den täglichen Kampf mit der Buchungsliste bereits aufgenommen. Die
Ethnologie-Studentin ist dafür verantwortlich, dass die rund 350 Künstler, die heuer erwartet
werden, zum richtigen Zeitpunkt mit Auto, Bahn oder Flugzeug in Graz ankommen und hier
angemessen untergebracht sind. Das ist gar nicht so einfach. "Künstler sind sehr flexible
Menschen", sagt Schnattler höflich. Ständige Umbuchungen gehören für sie zum Alltag. "Das
Gemeine daran ist: Je näher das Festival rückt, desto teurer werden die Flüge."
Um Zeit geht es in den letzten Tagen vor Festivalbeginn. Und es geht um Geld. Pavel
Permyakow ist am Vorabend aus Kasachstan angereist. Jetzt muss er erst einmal in die
Buchhaltung, um sein Taschengeld abzuholen. "Super, da wollte ich schon immer hin", sagt
Helmut Köpping vom Theater im Bahnhof (TiB). Köpping führt Regie in der herbst-Koproduktion
"Zwischen Knochen und Raketen", die das TiB gemeinsam mit Permyakows Theatergruppe
ArtiSchock auf einen Acker der Grazer Reininghausgründe setzen wird. Am Nachmittag gehen
dort die gemeinsamen Proben für das Stück los, das vom Reisen handelt, von Ferne und von
Nähe und von Pornografie.

Wird das für Erregung sorgen? Nicht mehr in dem Sinn, in dem der herbst in seiner Anfangszeit
ermpört hat. Einen Stock über den herbst-Räumen, dem immer hektischeren Tagesgeschehen
dort weitgehend entrückt, sitzt einer, der die turbulenten Anfänge des Festivals miterlebt und den
herbst - als Kulturpolitiker und Festival-Präsident - über die Jahrzehnte geprägt hat. Kurt
Jungwirth hat hier in einem stillen Flügel des Palais nach wie vor sein Büro, vollgehängt mit
Kunst, und widmet sich seinen vielen verbliebenen Aufgaben - als Joanneums-Präsident oder als
Präsident des Österreichischen Schachbunds. Den herbst begleitet er seit der großen
Reorganisation 2004 nur mehr als Beobachter. "Ich bin jetzt auf der anderen Seite", sagt der
Präsident. Aber auch wenn er den Einblick in den Alltag, nur einen Stock tiefer, verloren hat, sein
Interesse ist wach geblieben. Und er weiß um die Schwierigkeiten, mit denen die derzeitige
Intendantin Veronika Kaup-Hasler am globalisierten Kunst- und Festivalmarkt zu kämpfen hat.
"Die Provokation als Mittel der Kunst ist weitgehend durchgespielt", sagt Jungwirth. Und was er
besonders bedauert, wenn er auf die erfolgreichen "Steirischen Akademien" zurückblickt: "Der
Diskurs ist schwächer geworden."

Inzwischen hat sich das morgendliche Murmeln im Büro zu reger nachmittäglicher
Betriebsamkeit gesteigert. Die Kulturredaktion der Kleinen Zeitung hat einen Obstkorb geschickt.
Klasse Weintrauben! Ein Kommen und Gehen, nur die Intendantin muss an diesem Tag ruhen -
Grippeanfall. Jetzt rückt die Dramaturgin Kira Kirsch aus, um den Aufbau des Festivalzentrums
am Karmeliterplatz, eine der zentralen Setzungen des diesjährigen herbst, zu überwachen und
einen ersten Blick auf die "Große Freiheit Nr. 5" zu werfen. Ihr gefällt, was sie sieht: Gleich hinter
dem Freiheitsplatz hat das Künstlerinnenduo resanita damit begonnen, eine grindige Lagerhalle
in einen Club zu verwandeln. Resanita haben Matratzen an die Decke montiert und Erde
aufgeschüttet, die noch mit Bäumchen und Erika bepflanzt wird. Sieht schon aus wie in einer
richtigen Stadt. Kurator Reinhard Braun bespricht zur selben Zeit mit der Künstlerin Manuela
Zechner deren Videoinstallation im Stadtmuseum. Dort leistet sich der herbst mit "Reading Back
and Forth" nach vielen Jahre wieder eine eigene Ausstellung, die aktuelle Konzeptarbeiten zur
Festivalgeschichte versammeln wird. Die Wände sind weiß, die Räume noch weitgehend leer.
Bis zur Eröffnung am ersten herbst-Samstag, der traditionell für den Galerienrundgang reserviert
ist, wird sich das nun stündlich ändern. Braun hat - wie viele andere herbst-Mitarbeiter - das
Festival seit vielen Jahren verfolgt, vor zehn Jahren auch erstmals selbst Projekte realisiert.
Niemand aber hat den herbst so gründlich erforscht wie Martin Ladinig. Dieser Mann ist das
herbst-Archiv. Ihn hat man gerufen, nachdem Intendant Peter Vujica 1989 sein letztes Festival -
unter dem Motto "Chaos und Ordnung" - beendet hatte. Um ein wenig Ordnung in die Geschichte
zu bringen. Ladinig hat die 25.000 Presseclippings, die 12.000 Fotos, die Kataloge und
Korrespondenzen gesichtet, beschriftet und in lange Regale im Kellergewölbe des Palais Attems
geschlichtet. Wer hier hinabsteigt, lässt die Hektik des ersten Stocks weit hinter sich. Nach
verflossener Zeit duftet es in der Stille und nach altem Papier, während oben, im ersten Stock,
Tag und Nacht laufend neues produziert wird. Gut vier Laufmeter Material, meint Ladinig,
kommen im Jahr dazu. Der Archivar hat sogar noch ein Exemplar des olivgrünen Programmhefts
des tatsächlich ersten herbst gesichert. Denn bereits 1967 gab es ein Festival (nicht die
Institution) unter diesem Titel, damals stand unter anderem ein kompletter Wagner-Ring am
Programm. "Dieser herbst wird nicht gezählt", sagt Ladinig und freut sich über das jüngst
wiedererwachte internationale Interesse an seinem Archiv. Bis zu hundert Spezialanfragen hat er
im Jahr zu beantworten. "Es ist nett", sagt er, "wenn das Archiv wieder lebendig wird".

Thomas Wolkinger



20/09 - 14/10/2007
steirischer herbst
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